Das Projekt

Die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel zu einer Geldstrafe nach §219a StGB – sie hatte auf ihrer Webseite öffentlich angekündigt, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführe – hat eine Debatte über reproduktive Rechte in Deutschland ausgelöst, die es in dieser Form seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat.

Obwohl sich im Februar 2018 eine Mehrheit im Bundestag gegen den Straftatbestand ausgesprochen hat, zog die SPD aus politischem Kalkül ihren Antrag plötzlich zurück und verhinderte damit die Abschaffung des Paragraphen, der „Werbung für Abtreibung“ verbietet.

Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland gemäß §218 StGB gelten immer noch als Straftat und sind nur innerhalb der ersten 12 Wochen der Schwangerschaft und nach einer Zwangsberatung straffrei.

Bis heute bleiben §218 und §219a in Kraft.

Das Dokumentarfilmprojekt „Interruptio“ (Arbeitstitel) nimmt die Debatte um Paragraphen 218 und 219a als Ausgangspunkt und setzt sich mit dem Thema reproduktiver Rechte und Gerechtigkeit im heutigen Deutschland auseinander.

Sexuelle und reproduktive Rechte und Gerechtigkeit (aus dem englischen sexual and reproductive rights and justice) sind in einer Gesellschaft erreicht, wenn alle Menschen die Macht, Möglichkeit und Ressourcen haben, um eigene und freie Entscheidungen über ihren Körper, ihre Sexualität und Fortpflanzung treffen zu können.

Mit einer Mischung aus Erfahrungsberichten, Interviews mit Betroffenen, Spezialist*innen und Aktivist*innen soll der Film „Interruptio“ der Frage nachgehen, inwieweit und warum diese Entscheidungsmöglichkeit in Deutschland eingeschränkt ist. Obwohl der Schwerpunkt auf dem Recht auf Abtreibung liegt, behandelt das Projekt auch die verwandte Frage des Rechts darauf Kinder zu bekommen. Wer darf Kinder bekommen? – Welche Kinder sind erwünscht?

Das Projekt strebt einen intersektionalen Blick an, um den Themenkomplex über die Perspektive der weißen, deutschen, cishetero, able-bodied Frau hinaus zu erweitern.

FORM

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit ist der Film als mehrstimmiger Chor zu verstehen, der die Unterschiedlichkeit der Standpunkte und Ansichten zum Thema reproduktiver Rechte und Gerechtigkeit verdeutlicht.

Die persönliche Ebene: „Ich habe abgetrieben“
Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Deutschland hatten,
erzählen von ihren individuellen Erfahrungen. Dabei werden auf Themen wie Beispielweise die Entscheidung, die Informationsfindung, die Pflichtberatung, Kommentare und Reaktionen anderer, die Kosten, das Finden einer Ärztin / eines Arztes oder einer Klinik, Stadt-und-Land-Gefälle, usw.

Die strukturelle Ebene: die Konsequenzen der §218 und §219a
Expert*innen und Aktivist*innen berichten: Wie wird mit dem Werbe- und dem juristischen Verbot umgegangen? Wie und wo können in einem Land, in dem einen Schwangerschaftsabbruch immer noch eine Straftat ist, Abtreibungsmethoden erlernt werden? Wie laufen Beratungsgespräche aus Sicht derer, die sie führen, ab? Wie viel kostet einen Abbruch? Wie einfach ist der Zugang zu Maßnahmen des Schwangerschaftsabbruch (z.B. für geflüchtete Frauen, Frauen mit geringem Einkommen)? Wie unterscheidet sich die Lage in den verschiedenen Bundesländern und zwischen Land und Stadt? Wie war die Lage in der DDR und welche Auswirkungen hatte die Wiedervereinigung auf
die rechtliche Lage heute ?
Die diskursive und moralische Ebene: jenseits der prochoice vs pro-life Debatte
Expert*innen,Theoretiker*innen und Aktivist*innen berichten
über: Die Frage der Eugenik und der Pränataldiagnostik: manche Feminist*innen und Behindertenaktivist*innen streiten um die Pränataldiagnostik. Wie kann sich mensch für das Recht auf Abtreibung und gegen Eugenik positionieren?

Manche Kinder sind erwünscht, andere nicht: Deutschland hat eine lange Geschichte der rassistischen und eugenischen Bevölkerungspolitik. In wie weit wirken diese Strukturen bis heute? Wie kann mensch den Kampf für das Recht auf Abtreibung mit dem Recht auf Kinder kriegen effektiv vereinen?

Welche Eltern sind erwünscht, welche nicht? – Fragen nach dem Familienbild und queere Familienzusammensetzungen.

Die post-koloniale Perspektive: Wie kann sich Aktivismus für das Recht auf Abtreibung anti-rassistisch mit dem Recht auf Kinder kriegen in dem so-genannten „Globalen Süden”, solidarisieren?